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scorpions tourplakatSie haben es wieder getan, sie sind wieder auf Tournee, dabei war der Abschied eigentlich schon eingeläutet. Doch nachdem das Unplugged-Unternehmen mit MTV wieder die Tür geöffnet hatte, gab es im letzten Jahr ein großes Comeback: Album, Dokumentation und Tour. Auch wenn diese nicht mehr so umfangreich ausfällt wie die letzte, war den Shirts zu entnehmen, dass sie in die entlegensten Winkel der Erde führte. Einige dort notierten Länder muss sich das kontemporär Naviopfer erst einmal ausgoogeln. Im März stand dann die deutsche Heimat wieder auf dem Programm, die Dates waren selbstredend ausverkauft, so dass der Boden für einen erneuten Triumphzug bereitet war. NECKBREAKER war in der Mannheimer SAP-Arena vor Ort, um sich davon zu überzeugen, und zu sehen wie sich BEYOND THE BLACK im Vorprogramm schlugen.

BEYOND THE BLACK
Als die Lichter pünktlich ausgingen wurde es recht dunkel in der Halle, denn die Ausleuchtung der Bühne war eher spärlich. Ob der Headliner ihrem Support nicht mehr Licht spendierten oder dies einfach besser zu dessen Musik passt, lässt sich schwer sagen. Jedenfalls war die fast gänzlich in schwarz gekleidete Truppe nur schwerlich auszumachen. Dafür setzten sich ihre Klänge sofort in den Gehörgängen fest, denn die Stücke waren äußerst griffig, ja fast poppig, so dass der Sechser auch die metallische Überzahl im Publikum auf seine Seite ziehen konnte. Mir kam das ohnehin sehr vertraut vor, die stilistische Nähe zu WITHIN TEMPTATION war nicht von der Hand zu weisen.

Da die meisten Musiker aus dem Rhein-Neckar-Raum kommen, hatten sie an dem Abend fast ein Heimspiel, was sich aber nicht sonderlich bemerkbar machte. Zwar wiesen sie in ihren Ansagen darauf hin, doch ich denke die wenigsten hatten sich wegen ihren dreißig Minuten in die Halle verirrt. Zudem dankte man dem Hauptact mehrmals für die Chance, sich vor so einem großen Publikum zu präsentieren. Doch wenn ich als Musiker so eine Gelegenheit bekomme, sollte ich schon die Größe der Bretter nutzen, denn zumeist verharrten die Herren zu sehr auf ihren Plätzen.
Mir schien das etwas zu sehr darauf konzentriert, ja keinen Fehler zu machen, anstatt etwas aus sich heraus zu gehen, und so das Publikum mitzureißen. Einzig Bassist Erwin Schmidt brachte so etwas wie Stageacting, während auf seiner Seite Christopher Hummels nur für seine Backing Grunts oder ein paar Ansagen nach vorne kam. Nils Lesser konnte am linken Bühnenrand nur mit seinen wirklich tollen Soli glänzen. Einmal duellierte er sich dabei mit Keyboarder Michael Hauser, der da sein Arbeitsgerät drehte, damit sie sich gegenüberstehen konnten. Damit hatte es sich aber schon mit den Showelementen der Instrumentalisten.

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Spielerisch konnte man den Jungs keinen Vorwurf machen, denn da saß alles sehr gut, und war sehr gut ausbalanciert, auch wenn zu Beginn der bass ein wenig zu laut war. Doch gerade die bombastischen Harmonien konnten sich sehen lassen, so dass man das Publikum immer wieder zum Mitklatschen animieren konnte. Doch der geringe Bewegungsdrang fördert das Problem, welches den Senkrechtstartern des letzten Jahres anhaftet. Über allem strahlt die Person der Jennifer Haben, die die Vorschusslorbeeren wirklich bestätigte. Nicht umsonst gilt die gerade zwanzigjährige als das größte Gesangtalent, welches Deutschland in den letzten Jahren hervor brachte.
Und live war sie unbestrittener Mittelpunkt der Show, und das nicht nur, weil sie als liebreizendes, elfenhaftes Wesen die Männerherzen höher schlagen ließ.

Ihre Stimmgewalt und vor allem ihr sicherer Umgang damit sind schon beeindruckend, von zart bis zu den wuchtigen Refrains beherrschte sie mühelos die gesamte Klaviatur. Neben eigenen Titeln ihrer ersten beiden Alben wie "In The Shadows" oder "Written In Blood" lieferten sie früh einen ersten emotionalen Höhepunkt des Abends. Beim MOTÖRHEAD-Cover "Love Me Forever" saß die Frontdame auch noch alleine etwas vor der Band am Keyboard, wobei es gelang die Nummer stark umzuarrangieren, um sie wie eine eigene klingen zu lassen, was bei mir immer gut ankommt. Aber es war eben wieder die Show der Jennifer Haben, ebenso beim letzten Titel, welchen sie alleine auf der Klampfe vortrug. Bei aller Klasse, die in dieser Band steckt, frage ich mich wie lange diese Rollenverteilung noch gutgehen kann, es wäre schade, weil Songs schreiben können sie recht gut zusammen wie eindeutig zu hören war.

SCORPIONS
Die deutsche Rockband schlechthin ließ sich darauf länger Zeit, als der Gig des Openers dauerte, doch in den Größenordnungen muss alles perfekt ausgerichtet sein, so gab es auch eine Vorhang, der die Spannung erhöhen sollte. Dabei war der Bühnenaufbau nicht sonderlich spektakulär, der Drumriser erstreckte sich über die ganze Bühnenbreite und diente eher als Projektionsfläche. Überraschen können die Hannoveraner nicht mehr groß, Auftaktsong vom neuen Album, alles ein bisschen zu sehr wie gehabt, dachte man zumindest.
Doch spätestens als Hits aus den Siebzigern angekündigt wurden, war klar, dass man die Setlist gegenüber der geplanten Abschiedstour gehörig durcheinander gewirbelt hatte. Die Beiträge von "Lovedrive" und "Crazy World" wurde deutlich reduziert, dafür gab es wieder mehr von "Blackout" auch wenn "No One Like You" erneut vermisst wurde. Die letzten Alben schafften es nicht ins Programm, dafür natürlich einige von "Return To Forever", wobei man bei der Ballade meiner Meinung nach die schwächste wählte. Wer über so einen Backkatalog verfügt, der kann aus den Vollen schöpfen, da können selbst mal ein paar Standards fehlen.

Soundtechnisch war das auch wieder erste Güte, um einiges lauter als bei der Vorband, auch wenn da noch ein bisschen mehr gegangen wäre. Doch auch so eine Produktion ist nicht vor Pannen gefeit, beim legendären "Lovedrive"-Instrumental wollte Klaus Meines dritte Gitarre zu Beginn nicht so recht. Trotzdem war es vor allem die Technik, welche die Show bestimmte. Geboten wurde eine atemberaubende Multimediashow, bei der eben der Drumriser auch als Projektionsfläche benutzt wurde. Neben den zwei Leinwänden an den Seiten, auf denen immer wieder die Musiker in Großaufnahmen gezeigt wurden, hatte man alle Möglichkeiten, die sich heutzutage bieten.
Als am Ende des regulären Sets die Lichter verschiedener Großstädte überdimensional auf die Bühne projiziert wurde, hatte man das Gefühl, dass James Kottak inmitten der Straßenschluchten verschwinden würde. Durch die flimmernden Installationen bei den etwas härteren Tracks scheint er sich dagegen wie plastisch vom Backdrop abzuheben. Während des balladenteils kam eine riesige Discokugel von der Hallendecke, die das Auditorium bestrahlte. Und beim Siebzigermedley wurden die Silhouetten der Musiker in psychedelische Farben getaucht, so dass ein passendes Ambiente erzeugt wurde.

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Man darf allerdings nicht verhehlen, dass ausgerechnet hier die anfänglich gute Stimmung ein wenig einknickte. Hier war der Großteil wegen der Hits gekommen, und schien nicht mit der kompletten Geschichte der Band vertraut. SCORPIONS im Jahre 2016 ist mehr ein Familientreff als ein Rockkonzert, da wurden einige Leute schon von ihrem Nebenmann mit „Papa" angeredet. Man traf sich eher zum gemütlichen Bierchen als mitzugehen, geschwenkte Matten waren fast keine auszumachen, den meisten reichte das mitwippen mit dem Fuß. So fielen die Reaktionen auch lautstark und wohlwollend, aber keineswegs euphorisch aus. Naja, trotz nachkommenden Fanschichten wird der Schnitt schon immer älter.
Auch den Herren auf der Bühne ist der Kräfteverschleiß anzusehen, aber nur wenn man sich Shows der Achtziger und frühen Neunziger in Erinnerung ruft. Denn gegenüber der Vorband legte man eine klar höhere Schrittzahl vor. Klar gibt es da keine Dauersprints mehr, aber Schenker und Jabs kamen immer wieder zu den Soli nach vorne an die Rampe und liefen jeden Meter ab, um Kontakt zu den Fans aufzunehmen. Wenn sie den vorderen Reihen ganz nahe waren, konnte man auch die Freude sehen, mit der die Herren immer noch bei der Sache sind. Da kam genau das Gefühl auf, welches Matthias Jabs in „Forever And A Day" angesprochen hatte, das ist es wofür man auf die Bühne geht, das lässt einen nicht los.

Selbst wenn die Bewegungen nicht mehr so jugendlich frisch waren, kein Weg war ihnen zu weit, auch nicht hoch zum Schlagzeug von James Kottak. Obwohl es da eines kleinen Umweges bedurfte, denn die Treppen lagen hinter dem Riser. Öfter tauchten die Musiker da oben auf, von wo aus sie auch die Menge noch besser überblicken konnten. Während Jabs vorne Soli zockte posten Baser Pavel Maciwoda und Schenker ganz lässig auf dem Drumkit. Später zeigte ihnen der Mann dahinter, dass man dies auch höchst spektakulär machen kann.
Bei seinem Solo wurde das Schlagzeug an Ketten ein paar Meter nach oben gezogen, was ihn nicht davon abhielt, darauf herum zu klettern. Dabei entledigte er sich mal wieder seines Oberteils was er so inflationär tat, dass selbst ein Billy Idol blass wird dagegen. Der Gute ist schon ein Spaßvogel, der die ganze Zeit von da hinten mehr als nur den Takt vorgibt. Immer wieder half er mit das Publikum zu animieren und lieferte das ein oder andere Kabinettstückchen für das Auge. Mittlerweile ist der Vollblut-Rockstar so etwas wie der Motor der Band, der auch mal die Show an sich reißt. Mit fast so langer Bandzugehörigkeit wie einst Hermann Rarebell hat er längst seinen Platz gefunden.

Und in der Mitte zeigte sich Meine mit seinen fast 68 Jahren wie gut er noch bei Stimme ist, wie er in der Lage ist, die großen Melodien zu formen. Immer höflich, immer charmant und in den instrumentalen Passagen gerne auf Tuchfühlung mit seiner Anhängerschaft. Der große Showmann war er noch nie, aber seine große Ausstrahlung lässt die Halle nach Belieben diktieren. Auch wenn die Leute nicht die ganz große Party feierten, bei den Hits erhielt er die ganz massiven Chöre. Die SCORPIONS haben wieder einmal gezeigt, wer in Rockdeutschland das Sagen hat, die ehrlichen Arbeiter auf der Bühne haben sich ihre über Jahrzehnte treuen Anhänger verdient. Gut, dass es weitergeht! (Pfälzer)

Setlist SCORPIONS:
Going Out With A Bang
Make It Real
The Zoo
Coast To Coast
Top Of The Bill/Steamrock Fever/Speedy´s Coming/Catch Your Train
We Built This House On A Rock
Delicate Dance
Always Somewhere/Eye Of The Storm/Send Me An Angel
Wind Of Change
Rock´n´Roll Band
Dynamite
In The Line Of Fire
Kottack Attack
Blackout
Big City Nights
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Still Loving You
Rock You Like A Hurricane

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Alle Fotos: Pascal

 

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