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2016 03 amorphis eschalzetteWas kann entspannender sein, als am Ostersonntag mit lieben Menschen, die die gleiche mentale Störung wie man selbst haben, nach Esch-sur-Alzette im benachbarten Luxemburg in die Kulturfabrik zu düsen. AMORPHIS laden ein, den Abend zusammen mit TEXTURES und POEM zu einem lohnenswerten Event werden zu lassen. Kaum angekommen, Verkehr herrschte so gut wie keiner, ist auch eine Parkmöglichkeit beim benachbarten Supermarkt stressfrei gefunden. Die letzten Meter zum Ort des Geschehens werden von entspannt grinsenden Konzertgängern wie uns begleitet.

Die Kontrolle der schon vorab ausgedruckten Karten (ein Jammer – nix zum an die Wand Pinnen - aber was solls) und der Akkreditierung ist ebenso einfach wie entspannt. Es ist gerade mal Viertel nach sieben, Zeit genug sich zu orientieren und einen geeigneten Platz vor der Bühne zu finden. Aber nur ein paar Minuten später, so gegen halb acht, stehen schon die ersten Musiker etwas verstohlen auf der Bühne herum – ein wenig wie raus geschubst. Die Halle ist kaum mit Menschen gefüllt, als POEM schon eröffnen müssen.

POEM
Die Athener hatte ich bislang noch nicht auf dem Schirm und habe mich auch nicht vorher informiert, um mir selbst den Überraschungseffekt zu bewahren. Es wäre ein Leichtes, schon vorab sämtliche Informationen über die Band aus dem Netz zu ziehen. So ein bisschen Restabenteuer muss jedoch meiner Meinung nach einfach sein.
So sahen es scheinbar auch die Musiker von POEM, die nach dem Motto „scheiß drauf“ in die Saiten droschen! Nach dem ersten Song und den gar nicht so verhaltenen Publikumsreaktionen war die Unsicherheit des Vierers auch schon in Spielfreude umgewandelt. Praktisch nahtlos ging es in den zweiten Song über.
Die Griechen spielen nach meinem Empfinden sehr präzise ihren leicht orientalisch angehauchten progressiven Metal. Sänger und Gitarrist George ging sehr emotional zu Werke und ließ es sich nicht nehmen, einen Versuch zu starten und die anwesenden Zuschauer zum Mitklatschen zu animieren! Als das problemlos gelang, grinste er zufrieden in die Runde. Dabei ist es POEMs erste europäische Tour im großen Stil. Es gilt in 47 Tagen 38 Städte von sich zu überzeugen. Ich bin mir sicher, dass POEM das problemlos schaffen. So vertrackt die Songs vom gerade erschienen Album „Skein Syndrome“ auch scheinen, so herzlich sind die Mannen auch. Schon wird der fünfte und letzte Song angekündigt. Mit „Remission Of Breath“ verabschiedet man sich in die Nacht, aber nicht ohne noch einmal Stimmung für die anderen Bands des Abends zu machen.

Setlist POEM:
Passive Observer
Fragments
Desire
Bound Insanity
Remission Of Breath

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TEXTURES
Nach kurzer Umbauphase stehen einige Musiker von TEXTURES bedröppelt am Bühnenrand, als Fronter Daniel de Jongh krank aussehend und mit Kaputze über dem Kopf bekannt gibt, dass er wegen einer heftigen Grippe nicht singen kann. Dafür würde die Band jedoch ohne ihn ein paar Songs performen. Gesagt, getan! Daniel verschwindet zerknirscht von der Bühne. Dafür geben alle anderen nun mächtig Gas. Sie starten kurzerhand mit „Drive“ in ein kurzes, aber heftiges Set. Viele textsichere Fans schleudern lauthals Textpassagen gen Bühne. Da hätte man doch auch mal schnell ein Mikrofon ins Publikum reichen können, denn unter den Fans ist auch ein guter Shouter wie Marcus von DIABOLIC HERITAGE aus dem Saarland, welcher öfters durch Lautstärke auf sich aufmerksam macht.
Die zusammengestrichene Setlist macht deutlich, welch großartiger Abend mit den Tilburgern es hätte werden können. Jedoch wird niemand enttäuscht nach Hause gegangen sein. TEXTURES bieten auch ohne Text eine aufregende Show. Die Musiker freuen sich scheinbar über den freigewordenen Platz auf der Bühne und machen ordentlich Kilometer fürs Geld, tänzeln voreinander im Takt und feuern die Meute nach Kräften an.
Das Versprechen, in alter Stärke wiederzukommen, lösen sie hoffentlich bald schon ein!

Setlist TEXTURES
Drive
Regenesis
New Horizons
Shaping A Single Grain Of Sand
Illuminate The Trail
Awake
Zman
Timeless
Singularity
Laments Of An Icarus

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AMORPHIS
Nachdem die Show von TEXTURES nach fünf gezocketen Songs zwangsläufig zu Ende geht, passiert nach dem erfolgten Umbau fast eine dreiviertel Stunde außer Kosmetik erstmal gar nix auf der Bühne, was ziemlich an den Nerven zehrt und völlig unverständlich erscheint. Naja, aber so ein haarklein geplanter Ablauf wird halt nunmal nicht gerne umgeworfen. Um zwanzig vor zehn gehen dann unter Jubel die Lichter aus und das Intro zu „Under The Red Cloud“ leitet den Auftritt von AMORPHIS ein. Endlich hat die Band einmal die Chance eine längere Tour als Headliner zu performen. Genug Zeit also für eine kleine Retrospektive der letzten Alben mit Tomi am Gesang. Die Alben mit Pasi am Gesang werden bis auf „Elegy“ ausgeklammert. Ganz interessant finde ich die Tatsache, dass so gut wie alle Zuschauer der mitlerweile ansehnlich gefüllten Kulturfabrik sich kaum zu den älteren Songs bewegen. Tomi scheint diese Erfahrung auch schon gemacht zu haben und erwähnt nochmal extra, dass die Lieder aus den Neunzigern stammen. Ein Jammer!

Mit „Drowned Maid“, bei dem Tomi stolz darauf hinweist, dass der ursprüngliche Sänger, nämlich Gitarrist Tomi, überraschend ein paar Passagen mitgrowld – dabei wollte er doch gar nicht mehr - gibt es auch immerhin ein Lied vom viel gelobten Überalbum „Tales From The Thousand Lakes“. Jedoch war sein Einsatz so kraftlos und zögerlich, dass er es auch hätte lassen können. Naja, sei's drum, dem Gesamtauftritt tut das keinen Abbruch. Leider war das aber auch schon der einzige Ausflug in die Anfangszeit der Band.
Zu „House Of Sleep“ fühlt sich Tomi genötigt, den Song mit „berühmter Song in Finnland“ zu bewerben. Besser gefallen tut er mir deswegen auch nicht.

Zugabezeit, die Band verschwindet zum Pinkeln und wartet den Lärm der hungrigen Meute ab, um dann zum Intro von „Death Of A King“ abermals die Bühne zu entern. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, dass AMORPHIS bei ihrem Backkatalog so ne Sparnummer wie „The Smoke“ zum Ende präsentieren. Wie aber schon gesagt, insgesamt ein fast perfekter Auftritt mit bestens aufgelegten Musikern nach der bisher ja doch schon recht lang andauernden Tour und wie immer eigentlich eine herausragende gesangliche Leistung von Tomi Joutsen.

Setlist AMORPHIS
Under The Red Cloud
Sacrifice
Bad Blood
Sky Is Mine
The Wanderer
On Rich And Poor
Drowned Maid
Dark Path
The Four Wise Ones
Silent Waters
My Kantele
Hopeless Days
House Of Sleep
------------------------------
Death Of A King
Silver Bride
The Smoke

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Unterhaltsamer hätte der Abend gar nicht sein können und so werden wir uns gerne an die drei Bands erinnern, von denen meine Begleiterinnen und ich POEM und TEXTURES noch nicht einmal vorher kannten. Wieder neues Futter für die gierigen Musiknerds. Frohe Ostern!

Text: Andreas
Fotos: Anne


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