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mydyingbride tourplakatLange Zeit waren Liveauftritte des düstersten Mitglieds der Peaceville Three eine Rarität, ein paar Festivalgigs das war es auch schon. Familiäre Verpflichtungen ließen die Karriere von MY DYING BRIDE ins Stocken kommen, neues Material gab es im Schnitt auch nur alle drei Jahre. Doch die Veränderungen in der Musiklandschaft kann auch der stoischste Doom Metaller nicht verdrängen, heute muss man viel Touren, um finanziell zu überleben. So waren die Briten in den letzten Jahren wieder verstärkt unterwegs, was umso interessanter wurde, als Gründungsmitglied Calvin Robertshaw wieder an die zweite Axt zurückkehrte. Mit ihm schufen sie mit "Feel The Misery" endlich wieder ein Werk, das sich mit den Klassikern messen kann. Nun sind sie wieder unterwegs durch die Hallen des Kontinents mit ihrem neuen Opus im Gepäck, obendrauf gibt es noch die texanische Prog Metalformation OCEANS OF SLUMBER als Support. Nach 19 Jahren war auch mal wieder Saarbrücken an der Reihe, wo sie zuletzt im Rahmen der "Out Of The Dark III"-Festivals in ebenjener Garage spielten.

OCEANS OF SLUMBER
Im Vorfeld konnte man überall große Lobeshymnen auf das neue Album „Winter“ höre, live war die Band in unseren Breiten bislang noch nicht zu sehen. So durfte man sehr gespannt sein, was einen da erwartete. Zuerst begann es unspektakulär, die Saitenfraktion stimmte noch einmal die Gitarren, dann ging irgendwann das Licht aus, und die Jungs stiegen sehr leise in ihr Set ein. Zuletzt tauchte dann eine dunkelhäutige Dame auf und nahm am rechten Bühnenrand Platz.
Doch nicht nur weil sie als Leadsängerin ganz außen auf den Brettern steht ist Cammie Gilbert eine außergewöhnliche Erscheinung. Ihr schwarzes Kleid war durchaus sexy, obwohl sie auf derartige Wirkung gar nicht abzielte. Die Haare waren an den Seiten sehr hoch abrasiert, der Kamm, der in der Mitte stehen blieb war zu schwarzen und blonden Zöpfen geflochten. Und dann war da noch diese Stimme, warm, einschmeichelnd, mit sehr viel Soul, völlig untypisch für eine Metalband.

Als diese präsentierten sich OCEANS OF SLUMBER in den ersten Minuten überhaupt nicht, atmosphärischer Rock trifft es wohl eher. Dazu sang wunderschön und ließ dem Zuschauer wohlig warm werden, dass man in den Neunzigern mal was von THE GATHERING hörte, können die Fünf nicht verleugnen. Mit der Zeit steigerte sich der Opener, Dobber Beverly steuerte an seinem Kit viel sphärische Patterns bei, welche die Intensität steigen ließen. Doch in dem Moment, in welchem alles zum Ausbruch kam, ließ die Begeisterung etwas nach. Zwar beherrscht die Formation das Spiel mit der Dynamik, doch in den ganz harten Passagen waren zu krude, zu hektisch, zu dissonant.

Da trafen postrockende Flächen auf Riffattacken und Djent-Geschredder, Beverly konnte sich nicht so recht zwischen jazzigen Breaks und Blastbeats entscheiden, doch alles schien irgendwie nicht zusammen zu gehören. Man muss ihnen zugestehen, dass sie auch unter dem sehr undifferenzierten Klang litten, doch auch dafür kann ja die Band indirekt etwas. Vor allem das Schlagzeug war zu laut, die Snare viel zu hoch abgestimmt, was so einiges übertönte. Man sah wie sich Leadgitarrist Anthony Contreras die Finger wund tappte, doch von all den Klängen war nichts zu hören, vielleicht hätten diese als Bindeglied die Kompositionen schlüssiger wirken lassen.

Umso mehr schade, da auch die Frontfrau diese Variabilität mittragen konnte, die zarte Stimme konnte sich durchaus in einen Orkan verwandeln. Dazu ergänzten Bassist Keegan Kelly und Rhythmusgitarrist Sean Gary ihren Gesang noch mit Metalshouts und Growls, was aber partiell auch wieder überladen wirkte. Gary war auch neben Gilbert der Einzige, der die Show an sich riss, während und auf ihrem Platz verharrten. Dabei war die Performance der Dame auch schon sehr professionell und emotional, garniert von vielen ausdrucksstarken Gesten.
Interessant wurde es musikalisch wieder, als sich der gute Dobber hinter das Keyboard setzte und Gary seinen Platz hinter der Schießbude einnahm. Neben dieser Pianoballade, der einzigen durchgehen starken Nummer gab es weitere Lieder von Winter wie „Lullaby“ und „Apologue“. Und am Ende überraschten die Texaner mit einer Coverversion des MOODY BLUES-Klassikers „Nights In White Satin“. Das klang alles sehr vielversprechend, doch an der Liveumsetzung muss die Truppe noch feilen.


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MY DYING BRIDE
Nach einer doch etwas längeren Umbaupause wurde die Bühne zuerst einmal nicht viel heller, doch bei der Formation muss das so sein. Neben dem neuen, alten Gitarristen erfreute viele Fans auch die Anwesenheit eines Geigers, welcher auch längere Zeit nicht zwingend zur Besetzung gehörte. Shaun Macgowan durfte auch direkt sein Können unter Beweis stellen, bei der leider einzigen Kostprobe vom zweiten Longplayer „Turn Loose The Swans“ ließ er seine Saiten weinen. Craighan und Robertshaw unterlegten ihn dabei mit ihren mächtigen Riffkaskaden, während ihr Frontmann lange auf sich warten ließ. Doch der epische Track verlangt nach einem langen Intro, das die Spannung perfekt aufbaut, für das Unheil, welches sich danach breit machen sollte.

Kaum zu glauben, dass der Sechssaiter mit den kurzen grauen Haaren und dem längsten Bart fünfzehn Jahre weg war, denn sein Verständnis mit seinem Partner war überragend. Die Riffs türmten sich auf, standen wie eine Wand und schienen die Zuschauer förmlich zu erdrücken. Analog dazu rückte keiner der beiden auch nur einen Millimeter von der Stelle, als ob sie die Macht ihrer Töne optisch manifestieren wollten. Dazu spielten sie so ungeheuer tight, was den Sog noch verstärkte, der sich da aufbaute. Egal ob diese todtraurigen Leads, atmosphärische Fills oder die reinen monolithischen Riffstrukturen, alles saß so punktgenau.

Zudem profitierten sie davon, dass sich der Sound gegenüber der Vorband deutlich gebessert hat, nun waren alle Töne deutlich heraus zu hören, die vielen kleinen Details konnten sich entfalten. Das unterstützte auch die Dynamik, die harschen Ausbrüche hoben sich in ihrer Wirkung ab, plötzlich rotierten im Publikum die Haare, die vorher noch sanft in der majestätischen Tristesse wogten. Vor allem die Keyboards und die Geige waren gleich berechtigt im Gesamtsound, Instrumente, die bei vielen Truppen oft untergehen. Wo aber die ganzen Gothic Metalepigonen eher auf klebrige Synthesizersounds setzen, kleiden bei MY DYING BRIDE traumhafte Pianolinien und Kirchenorgel die Mollungetüme in ein wunderschönes Klanggewand.

Zusätzlich wurden die Arrangements von hinten von Schlagwerker Dan Mullins befeuert, der mit nur wenigen Breaks immer wieder Wogen loszutreten vermag. Und wenn dann mal den Knüppel rausgeholt wurde, blieb er selbst bei den Blastbeats, speziell im letzten Song, immer edel und stilsicher. Seine Rhythmuspartnerin Lena Abe indes bangte unverdrossen vor sich hin, ihr schwarzes fransiges Haar hing dabei in ihr Gesicht und gab zumeist nur den Blick auf ihren grell rot geschminkten Mund frei. Als dann nach ein Aaron Stainthorpe nach dem langen Intro auf die Bühne schlenderte, wies sein weißes Hemd den einzigen weiteren Farbtupfer des Abends auf.
Sofort war der Mann der Herr im Geschehen, riss die Show an sich, während seine Mitstreiter nur Spalier für seine exaltierte Performance standen. Doch diese Aufteilung funktioniert seit jeher, der Sänger transportiert mit seinen Worten den Inhalt der Songs, und wird somit zum lebendigen Emotion. Kein Frontmann ist in der Lage, sich so in seine Geschichten hinein zu steigern, niemand leidet so schön, so herzzerreißend wie Stainthorpe. Schon sein Erscheinungsbild mit den aus Blut gemalten Ornamenten auf der Haut, ist sehr exzentrisch, ebenso seine Bewegungen.

Er windete sich, kniete nieder, wälzte sich, flehte und warf sich bei seine Growls richtig in die Wut hinein. Oft setzte er sich an den Bühnenrand, fixierte die Zuschauer mit seinen stechenden Augen und umwob sie mit seiner beschwörenden Gestik. Dabei nutzte er die kleinen Scheinwerfer optimal, um die Theatralik noch zu steigern, immer wieder reckte er seine Hand im Lichtkegel nach oben. Allerdings glich das rot anstrahlen lassen des Gesichtes einem Sakrileg, das durfte nur Ronnie James Dio.
Nach sechs Songs kündigte er im zweiten Teil ein paar härtere Tracks an und war direkt wie entfesselt. Stimmlich wusste er ebenso gut zu variieren wie in seiner Performance, ohne großen Anlauf wechselte er von getragenen Vocals in schiere Raserei. Wer nun geglaubt hatte, dass sich die Songs nicht mehr so um einen legen, sah sich schnell getäuscht, die Intensität nahm sogar noch zu, die nun größeren Kontraste schickten die Zuschauer noch mehr durch ein Wechselbad der Gefühle.
Es war unmöglich sich dieser Kraft zu entziehen, zu geschickt verband die sechs Urgewalt mit Anmut.
So wurde der Abend zum großen Kopfkino, das niemanden kalt ließ, das einem abwechselnd Schauer über den Rücken jagte, um Dich im nächsten Augenblick im Nacken zu packen. Der Verfasser dieser Zeilen war froh, endlich mehr gesehen zu haben als eine Stunde Festivalauftritt, durch ganze 105 Minuten durfte man mitleiden.

Dabei spielte es keine Rolle, dass das Set nicht ganz so Oldschoollastig war wie beim „Hammer Of Doom“. Denn auch die Stücke aus den nicht ganz so überzeugenden Alben der Nullerjahre fügten sich sehr gut ein. Auch hier zeigte sich wieder, wie viel das harmonischere Gitarrendoppel wert ist, gelang es ihm, den dezent schrammeligen Momenten mehr Linie zu geben. Lediglich Beiträge vom großartigen „Like Gods Of The Sun“ wurden schmerzlich vermisst, ansonsten gab es fast von jedem Studiowerk einen Beitrag. MY DYING BRIDE waren nie die großen Stars der Szene, dazu sind sie zu eigenwillig. Doch ihr Beharren in ihrer eigenen Welt macht sie erst authentisch, nur so nimmt man ihnen die Theatralik ab, die nie kitschig wirkt. Und ihre Hartnäckigkeit macht sie zu der Macht auf der Bühne, mit die sie an dem Abend präsentierten. (Pfälzer)

Setlist MY DYING BRIDE:
Your River
From Darkest Skies
And My Father Left Forever
My Body A Funeral
Feel The Misery
Thy Raven Wings
The Prize Of Beauty
Erotic Literature
To Shiver In Empty Halls
The Cry Of Mankind
She Is The Dark
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Like A Perpetual Funeral
Symphonaire Infernus Et Spera Empyrium
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